Planlose Pläne

Es ist schwer momentan ein Mensch zu sein. In Österreich haben wir die höchste Zahl an Neuinfektionen seit die Corona-Pandemie begonnen hat, die Krankenhäuser sind voll und ab Montag gilt ein Lockdown für Menschen, die nicht geimpft sind. Die Klimakonferenz wird beendet werden ohne verbindliche Maßnahmen die nötig sein dürften. Irgendwelche ÖkonomInnen erklären im Radio, dem ich eigentlich vertraue, dass Technologie und Innovation uns retten werden. Viele meiner Verwandten, Bekannten und Freunde machen Dinge, treffen Aussagen, haben Ansichten, die ich nicht im geringsten nachvollziehen kann, obwohl ich mich manchmal durchaus bemühe. Es ist nicht so, dass ich einfach anderer Meinung bin, sondern, dass ich nicht verstehe wie jemand, der eigentlich ganz nett ist und sich eine soziale Welt mit mir teilt so denken und handeln kann. Und gleichzeitig muss ich dabei zusehen wie Menschen in meiner Umgebung saufen, Psychopharmaka nehmen, sich anschreien und nicht daran glauben, dass sich etwas verändern kann. Andere flüchten sich in Arbeit oder Eskapismus.

Voriges Wochenende habe ich aufgehört meine Mitmenschen, die sich nicht impfen lassen wollen, verstehen zu wollen. Ich verstehe sie nicht. Ich verstehe aber auch nicht das herumhacken auf ihnen. Ich versteh die Zeitungen nicht, das Fernsehen und Social Media schon gar nicht. Ich lasse mich selbst in die Spaltung hineinsaugen. Alle sind zerstritten und niemand interessiert sich dafür, dass wir streiten. Niemand hat einen Plan und man hört ständig nur Pläne.

Dann lese ich Bücher, höre Interviews und Podcasts von Menschen, die durchaus intelligente, sensible und empathische Dinge sagen mit denen ich entweder übereinstimme oder die ich selbst in meinem Leben überprüfe. Aber solche Dinge scheinen in einer Parallelwelt zu existieren. Ich bin weder verzweifelt noch traurig. Ich sehe das alles und bin etwas fassungslos. In dem Sinne, dass ich nicht fassen kann was ich sehe. Ich kann es in keinen Rahmen stellen, der Anhaltspunkte geben würde. Ich bin auch nicht nihilistisch oder hoffnungsvoll. Ich bin nicht apathisch und nicht blindlings voller emotionsgeladenem Tatendrang. Die Frage was denn hier eigentlich los ist wird langsam durch ein „Aha!“ abgelöst.

Aber: Natürlich werden wir in einen Lockdown für alle gehen. Natürlich werden wir nicht Menschen, die nicht geimpft sind, in Krankenhausabstellkammern krepieren lassen. Natürlich werden wir versuchen das Schlimmste abzuwenden. Egal ob es um die Pandemie geht, das Klima oder unsere Mitmenschen in unserer Umgebung. Die Zyniker, Obergscheiten und Spalter sind mir jetzt einfach egal. Ich habe keinen Groll auf sie und ich versuche ihnen auch nicht mehr zu erklären was ich glaube oder denke, denn macht man das, ist man selbst am Weg zum Zyniker, Obergscheiten und Spalter. Es ist zwar momentan schwer ein Mensch zu sein aber ein Mensch kann man versuchen zu sein.