Die neue Seltsamkeit (3/n)

<< Teil 2

„Man wisse zwar nicht, wann und wie es passiert
Und ob man gewinnt, oder ob man verliert
Man habe vorsorglich schon mal Geld gespart
Und für Donnerstag dem Verein abgesagt“

Versteht man die Welt also zum Beispiel nicht grundsätzlich als etwas das von Außen auf einen eindrückt, sondern - nur mal probeweise, man darf jederzeit wieder in den neurotischen Selbstbezug zurück, wenn es unheimlich wird, das gehört auch zur Freiheit - als einen Teil von sich selbst, beginnen sich Prioritäten zu verschieben. Verantwortlichkeit drückt sich einem auf. Bin ich unfreundlich zur genervten Kassierin an der Supermarktkassa, bin ich unfreundlich zu mir selbst. Und wenn man es auf die Spitze treiben will, kann man sich noch fragen warum die Kassierin, also man selbst, eigentlich genervt ist. Und dann fallen einem ziemlich sicher Gründe ein warum eine Kassierein genervt sein könnte.

Und gleichzeitig ist man nicht mehr ausgeliefert. Durch eine kleine Verschiebung der Perspektive bringt man genug Distanz rein, um überhaupt die Möglichkeit zu haben auf die Welt so zu reagieren wie man es eigentlich will. Und dann kann man sich fragen, wie man auf die Welt überhaupt reagieren will. Jetzt, da man etwas Distanz hat, um überhaupt reagieren zu können. Vielleicht führt ja unser nettes Wort dazu, dass die Kassierin danach nicht mehr genervt ist? Warum sollte man dann eigentlich nicht nett sein?

Man kann sich also einfach so zum Spaß denken, dass ein Problem in der Welt nicht ein Problem „da draußen“ ist, sondern dass man selbst ein Problem hat und nicht die Schwiegermutter oder der Chef oder die kleine Schwester das Problem sind. Und dann kann man sich z.B. fragen, ob es tatsächlich ein Problem ist und wenn ja, was man jetzt gerade tun kann außer die dumme, dumme Schwiegermutter anzurufen oder noch besser ihr einfach böse Gedanken zu schicken. Dann stellt sich plötzlich die Frage, was jetzt vernünftiger ist: Der Schwiegermutter böse Gedanken zu schicken oder die Welt als einen Teil von sich selbst zu sehen. Und dann ist man vielleicht zum ersten mal in seinem Leben offen. Hat man es an diesen Punkt geschafft, stellen sich plötzlich ganz neue Fragen. Vielleicht ist die Schwiegermutter gar nicht dumm?

Und wenn man dann noch immer keine Lösung für das „Problem“ findet, dann kann man üben es einfach sein zu lassen. Das geht nämlich auch. Es werden einem dann zwar hunderte Gedanken kommen warum man es nicht einfach sein lassen kann aber auch diese Gedanken kann man einfach sein lassen. Man kann alles einfach so lassen wie es ist. Und genau weil alles was ich gerade beschrieben habe oft innerhalb von Sekunden passiert und weil wir normalerweise gar nicht wissen, dass das überhaupt möglich ist, gibt es die ständigen Wiederholungen beim meditieren oder auch beim Rosenkranzbeten oder bei einem Mantra oder bei was auch immer. Die Rückkehr zum Atem z.B. dient nämlich nicht nur dafür sich auf etwas zu konzentrieren, sondern man übt, die Dinge einfach mal sein zu lassen. Auch so kann man üben Abstand zu gewinnen. Abstand zu sich selbst.

Und dann macht man das ein paar Wochen. Dann versucht man sich zu denken, wenn man sich gerade über etwas ärgert oder freut oder gelangweilt davon ist, dass das alles - und ich meine Alles - ein Teil von einem selbst ist. Und dann macht man die Erfahrung, dass die Welt tatsächlich anders WIRD. Dass man manchmal, ganz kurz, das Gefühl hat, dass die Welt zu einem gehört. Dass man ihr nicht ausgeliefert ist. Dass es durch die Distanz möglich wird auf die Welt einzuwirken. Auf sich selbst einzuwirken. Dinge zu verändern.

Und dann verliert man sich wieder in der Welt, in sich selbst. Distanzlosigkeit. Hat man einmal erfahren, dass man Abstand nehmen kann, von sich selbst, von der Welt, kann man zwar so tun, als ob man es vergessen könnte. Vergessen kann man es aber nicht.