Die neue Seltsamkeit (1/n)

In den ersten paar Wochen, in denen ich zu meditieren begann, setzte ich mich an einem Nachmittag hin und schloss meine Augen. Zu dieser Zeit hatte ich noch hauptsächlich damit zu kämpfen, dass mir alles weh tat wenn ich länger als 1 Minute still saß. Länger als 5 Sekunden die Aufmerksamkeit auf den Atem gerichtet zu halten war eine Utopie. Aber bei diesem einen mal war ich noch stärker in meinen Gedanken verloren als sonst. Ich hatte außerdem ein beengtes Gefühl im und um den ganzen Hals. Dieses Gefühl wurde immer intensiver und schließlich hatte ich das ganz konkrete Bild vor mir, dass mir jemand die Kehle zudrückt und mich anschreit, dass ich ein Scheiß-Versager oder so etwas ähnliches sei. Ich war einige Zeit in diesem Bild und plötzlich öffnete ich meine Augen und mir war zum ersten mal in meinem Leben klar, dass mein Geist oder meine Gedanken völlig außer Kontrolle waren. Das Einzige, das von außen betrachtet passiert war, war, dass ich mich hinsetzte und meine Augen schloss. Aber meine Realität war, dass mir jemand die Kehle zudrückte und mich anschrie. Da verstand ich zum ersten mal was MeditationslehrerInnen meinen, wenn sie sagen, dass wir meist in einer Illusion leben. Es war ganz einfach nicht wahr, dass mir jemand die Kehle zudrückte und mich anschrie aber es war trotzdem real. Ich sah es ja und spürte es ja. Das meinen MeditationslehrerInnen also wenn sie sagen, dass wir in unserer eigenen Realität leben.

Für mich war das kein Grund aufzuhören zu meditieren, im Gegenteil. Jetzt, Jahre später, ist mir klar, dass ich in diesem Moment gesehen habe wie die Dinge wirklich sind. Denn eine Illusion ist real als Illusion. Man muss sie nur als solche erkennen. Aber wenn wir sie nicht als reale Illusion erkennen, leben wir in ihr. Davor gab es aber noch den Schritt, dass mir überhaupt klar wurde, dass ich anscheinend das Gefühl hatte, dass mir jemand die Kehle zudrückt und mich anschreit. Das heißt, ich habe mich gefühlt ALS OB mir jemand das antut und mein Gehirn oder mein Geist oder meine Phantasie oder meine Intuition oder was auch immer hat mir gezeigt wie ich mich fühle. Davor war mir gar nicht klar, dass ich mich überhaupt so gefühlt hatte. Ich habe mich einfach nicht gut gefühlt.

„Man sagte mir, es sei soweit
Es komme eine Seltsamkeit
Und alles, was bis jetzt noch war
Sei dann auf einmal nicht mehr da“

Jetzt darf man sich natürlich denken, dass ich einfach einen Vogel habe. Man kann sich aber auch fragen wie oft man sich eigentlich irgendwie fühlt ohne zu wissen, dass man sich irgendwie fühlt. Und wie fühlt man sich dann eigentlich? Was man beim meditieren zu Beginn also lernt ist zu erkennen, dass man sich überhaupt irgendwie fühlt. Ich weiß nicht warum aber anscheinend leben wir meistens einfach so vor uns hin und ignorieren völlig, dass sich alles immer irgendwie anfühlt. In Österreich haben wir den schönen Spruch wenn jemand neben sich steht, also seltsame Dinge tut oder sagt, dass er oder sie „sich nicht ganz spürt“. „Der/die gspiat sie ned“. Das soll wahrscheinlich ausdrücken, dass jemand keinen Bezug zu sich und keinen Bezug zu seiner Umgebung hat. Er oder sie lebt in reinem Selbstbezug und die Welt ist nur Hintergrund.

Ein Bekannter hat letztens erwähnt, dass er mal Yoga probiert hat aber aufhören musste - und es seitdem auch nicht mehr probiert hat - weil er sehr aggressiv „wurde“. Meine Vermutung ist, dass er nicht aggressiv „wurde“, sondern, dass er durch das Yoga bemerkt hat, dass er aggressiv ist, zumindest in diesem Moment. Eine kurze Einkehr, ein kurzes sich besinnen, in diesem Fall auf den eigenen Körper, hat ihm gezeigt, dass er aggressiv ist. Nun ist das natürlich eine Vermutung aber es würde sich mit meiner Erfahrung decken, dass ich mich oft so gefühlt habe, als ob mir jemand die Kehle zudrückt und mich anschreit. Das Meditieren war nur das Werkzeug, das mir gezeigt hat, was eigentlich los ist.

Damit zu beginnen sich zu spüren kann gefährlich werden. Denn ich habe es zum Beispiel nicht ausgehalten zu spüren, dass mir jemand die Kehle zudrückt und mich anschreit. Das war zu viel. Das Problem dabei ist aber, dass, egal ob man sich spürt oder nicht, es so und so passiert. (Spürt man sich, hat man wenigstens die Möglichkeit darauf zu reagieren. Spürt man sich nicht, tut man Dinge, die man selbst nicht versteht. ) Und später musste ich mir dann eingestehen, dass, will ich meine Depression jemals „verstehen“ oder „loswerden“, ich genau dorthin gehen muss, wo ich es nicht aushalte. Denn erst dann gibt es überhaupt die Möglichkeit darauf angemessen und nicht unbewusst zu reagieren.

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